Dr. Ralf Orichel
Definition:
Die Pädaudiologie ist ein Spezialgebiet der
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und beschäftigt sich mit allen Fragen rund
um das kindliche Hören.
Zusammenfassung:
Der folgende Artikel beschäftigt sich mit kindlichen Hörstörungen,
ihrer Diagnostik durch Krankheitsgeschichte und körperliche
Untersuchung sowie mit der Anwendung audiologischer (Hörtest)
Methoden. Ergänzend folgt eine kurze Einführung in die wichtigsten
klinischen Krankheitsbilder im Bereich des äußeren Ohres, des
Mittelohres und des Innenohres.
Abb.: Schema des äußeren Ohres quer aufgeschnitten und von vorn gesehen
Abb.: Schematische Übersicht über das Hörorgan
Zum Schluss wird eine orientierende Übersicht der Hörtestverfahren, die im ZKJ durchgeführt werden, gegeben und die Hörtestmöglichkeiten in den ersten Lebensabschnitten des Kindes aufgelistet.
Als hörgestört ist jedes Kind zu bezeichnen, das im Hauptsprachbereich (zwischen 250–4000 Hz**) einen Hörverlust über 20 dB** aufweist. Dabei unterscheidet man leichte (< 30 dB), mittlere (30-60 dB) und hochgradige Hörstörungen (> 60 dB), Leichte Sprachstörungen (z. B. Lispeln) sind ab 25 dB Hörverlust im Hauptsprachbereich zu erwarten. Ist die Hörstörung sehr ausgeprägt (> 80 dB Hörverlust), wird die Fähigkeit zu sprechen überhaupt nicht erworben. Somit kann man zusammenfassend sagen, Hör Lautstärke Schallquelle Schallempfindungin dBA 20 Ticken einer Uhr, leichtes Blätterrauschen 30 Flüstern Sehr leise bis ziemlich leise 40 Mittlere Wohngeräusche, ruhige Wohnstraße 50 Unterhaltungssprache Normal bis laut 60 Unterhaltungssprache in 1 m Abstand, Bürolärm 70 Laute Unterhaltung, rufen, PKW (5m) Laut 80 Straßenlärm bei lautem Verkehr 90 Laute Fabrikhalle 100 Autohupe (7m) Laut bis unerträglich 110 Kesselschmiede 120 Flugzeugmotor
Tabelle: Beispiel für die Lautstärke von Geräuschen in der täglichen Umwelt
störungen behindern eine normale Sprachentwicklung und damit eine normale geistige Entwicklung. Entscheidend für die weitere Entwicklung der hörgestörten Kinder ist der frühest mögliche Therapiebeginn.
(** Hz=Hertz, Maß für die Tonhöhe, physikalisch = Schwingungen/Sekunde, dB = Dezibel, Maß für die Lautstärke/Tabelle 12.1).
Die Anamnese ist bei der Erfassung kindlicher Hörstörungen besonders wichtig. Bei der Befragung der Eltern ist insbesondere auf eine verzögerte Sprachentwicklung und mangelnde Reaktion auf akustische Reize zu achten. Bei Klein- und Schulkindern ist die Frage nach Verhaltensauffälligkeiten wie Kontaktschwäche, Unaufmerksamkeit und Aggressivität, aber auch schlechten schulischen Leistungen wichtig. Auch nach Risikofaktoren sollte gefragt werden, da viele Kinder mit Hörstörungen einen oder mehrere Risikofaktoren aufweisen. Risikofaktoren für eine angeborene Schwerhörigkeit sind:
In der Familie:
Bei der Mutter:
Beim Kind:
Die Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Untersuchung umfasst:
Abb.: Untersuchung von Gehörgang und Trommelfell mit dem Ohrmikroskop
Abb.: Untersuchung der Naseninnenräume mit dem Rhinoskop
Abb.: Inspektion von Mund und Rachen bei der HNO-ärztlichen Untersuchung
Die Inspektion von Mund, Rachen, Nasenhöhlen sowie des NasenRachen-Raumes dient dem Ausschluss von Spaltbildungen des Gaumens sowie adenoider Vegetationen (so genannter Polypen). Diese Veränderungen können mit einer Hörstörung einhergehen. Bei konkretem Verdacht auf Hörstörung müssen auch spezielle Laboruntersuchungen durchgeführt werden, auf die hier nicht eingegangen werden kann.
Die Hals-Nasen-Ohren-ärztlichen Untersuchungen sind für die Kinder völlig schmerzfrei und nicht belastend.
Die Hörprüfungen bei Säuglingen und Kleinkindern stützen sich auf zwei große, methodisch unterschiedliche Verfahren: auf die objektive und die subjektive Audiometrie.
Bei objektiven Hörprüfungen wird keine aktive Mitarbeit des Kindes benötigt. Stattdessen werden unwillkürliche physiologische Reaktionen von Muskulatur, Rezeptoren und ZNS (Zentralnervensystem) auf akustische Reizung gemessen.
Subjektive Hörprüfungen hingegen erfordern die Mitarbeit des zu untersuchenden Kindes. Es muss wach sein und je nach Entwicklungsalter auf seine Aufgaben vorbereitet und dafür motiviert werden.
In den meisten Fällen kindlicher Hörstörung werden objektive und subjektive Verfahren parallel eingesetzt, um die Hörstörung quantitativ (= Ausmaß der Hörstörung) zu beschreiben und topographisch anatomisch zu lokalisieren (Ort der Störung). Objektive Hörprüfungen alleine reichen dazu in keinem Fall aus. Ergeben objektive und subjektive Hörprüfungen widersprüchliche Ergebnisse, ist die Aussage der subjektiven Audiometrie entscheidend.
Zu den objektiven Hörprüfverfahren gehören:
Die subjektive Audiometrie wird altersabhängig eingeteilt in:
Die Audiometrie von Kindern bis zum Alter von etwa 3 Jahren nutzt zur Reizdarbietung Lautsprecher im Raum (Freifeldmessung).
Impedanzaudiometrie (Stapediusreflexmessung und Messung des Mittelohrdrucks) Mittels der Impedanzaudiometrie werden der Druck im Mittelohr und die Beweglichkeit des Trommelfells geprüft. Mit diesem Verfahren lassen sich Flüssigkeitsansammlungen hinter dem Trommelfell (so genannte Paukenergüsse) nachweisen.
Bei normalen Mittelohrdruck (Mittelohrdruck = Außendruck) kann man den Stapediusreflex auslösen. Dazu wird das Ohr durch eine in den Gehörgang eingeführte Sonde beschallt, dieser Ton wird über Trommelfell und Gehörknöchelchen auf das Innenohr übertragen und führt dort über Verschaltungen des Innenohres und benachbarter Hirnareale zu einer kurzen Muskelzuckung eines winzigen Muskels (Muskulus stapedius), der im Mittelohr im Bereich des Steigbügels (einer der 3 Gehörknöchelchen) ansetzt. Durch dieses Muskelzucken kommt es zu einer Trommelfellbewegung, die registriert und in Form einer bestimmten Kurve dargestellt wird. Als Screeningmethode (Suchtest/Siebtest) löst man den Stapediusreflex bei 1 000 Hz mit einer Lautstärke von 95 dB aus. Diese Methode hat sich insbesondere zur Diagnose von Mittelohrschwerhörigkeiten bewährt.
Otoakustische Emissionen
Bei den otoakustischen Emissionen hat sich die Ableitung der T-OAE´s (Transitorisch evozierte otoakustische Emissionen) durchgesetzt. Der Gehörgang wird mit einer Messsonde abgedichtet, in die ein Lautsprecher und ein Mikrophon eingebaut sind.
Abb.: Ableitung otoakustischer Emissionen bei einem Säugling. Im rechten Ohr ist die Schallsonde zu sehen. Das Ergebnis der reflektierten Schallwelle ist auf der Kurve auf dem Monitor zu sehen. Hier liegt ein Normalbefund vor
Über den Lautsprecher wird ein kurzer akustischer Reiz (Klick) definierter Lautstärke abgestrahlt. Das Hörorgan (Innenohr) nimmt diesen Reiz über Trommelfell und Gehörknöchelchen auf und produziert selbst Töne, die das Hörorgan rückwärts über Gehörknöchelchen und Trommelfell wieder verlassen und im Mikrophon der Messsonde registriert werden. Dieses Signal wird in einem Rechner aufbereitet und graphisch dargestellt. Mit dieser Methode ist eine überschlägige Beurteilung des Hörvermögens im Bereich zwischen 1000–5000 Hz möglich. Hörstörungen über 20–30 dB(A) führen zu einem Ausbleiben der OEA´s.
Auditorisch evozierte Potentiale (AEP)
Die gebräuchlichste Form dieser Messmethode ist die Ableitung der frühen Hirnstammpotentiale (FAEP, BERA), d. h. die Ableitung der Potentiale der Hirnregionen, die dem Hörorgan benachbart sind.
Abb.: Ableitung evozierter Potentialeüber den Kopfhörer bei einem Säugling
Diese Messung ist besonders aussagekräftig im mittleren Frequenzbereich (1000–4000 Hz) und kann mit großer Genauigkeit in diesem Bereich die Hörschwelle festlegen. Jedes Kind mit unsicherer Hörschwelle sollte mittels Hirnstammpotentialen untersucht werden.
Die Messung erfolgt durch Beschallung der Ohren mittels kurzer Klicks. Dabei wird an definierten Punkten der Kopfoberfläche ein Elektroenzephalogramm (EEG = Hirnströme) abgeleitet. Dieses wird mittels eines komplizierten, rechnergestützten Verfahrens so aufbereitet, dass die verschiedenen elektrischen Reaktionen, die der Klick über das Hörorgan in den weiter verarbeitenden Hirnstammarealen erzeugt, in Kurvenform dargestellt werden und nach bestimmten Regeln ausgewertet werden können.
Abb.: Die Kurve der evozierten Potentiale (rechts) zeigt einen normalen Ablauf. Wenn am Ohr (I.) oder an einer der Verschaltungsstellen der Hörbahnen (II.-VI.) ein Defekt auftritt, stellt sich die Kurve nicht normal dar und ist an der Stelle der Störung (I - VI) abgeflacht
Die BERA-Untersuchung wurde in neuerer Zeit auch ergänzt durch die noch aussagefähigere frequenzspezifische BERA (notched noise BERA), mit der die Feststellung einer Hörschwelle in 4 Frequenzbereichen (500, 1000, 2000, 4000 Hz) möglich ist.
Eine Sonderform der objektiven Audiometrie ist die Neugeborenen-Screening-Untersuchung. Diese kann bereits in den ersten Lebenstagen mittels otoakustischer Emissionen (Echoscree) oder mit einer vereinfachten Form der BERA (ALGO- Gerät) durchgeführt werden.
Abb.: Echoscreenuntersuchung bei einem Neugeborenen zum Ausschluss einer Hörstörung
Die Untersuchungsdauer bei den Otoakustischen Emissionen beträgt zwischen 5 und 20 Minuten, ist für das Kind nicht belastend und völlig schmerzfrei. Die Untersuchungsdauer bei der BERA liegt etwa bei 45 Minuten, kann bei ruhigen Kindern im Wachzustand, bei unruhigen Kindern nach vorheriger Gabe von beruhigenden Medikamenten ebenfalls schmerzfrei durchgeführt werden.
Wichtig ist, dass alle diese Untersuchungen ohne akustische Störung durchgeführt werden. Aus diesem Grunde werden sie oft in einer schalldichten Kabine abgeleitet.
Abb.: Konditions-Audiometrie (Spielaudiometrie) – hier Audiometrieraum im Neubau
Reaktionsaudiometrie
Dabei wird die Reaktion eines Kindes auf die akustische Stimulation beobachtet. Die gebräuchlichsten Verfahren sind:
Weitere Möglichkeiten:
Konditionierungsaudiometrie (COR)
Man versucht bestimmte Reaktionen vor der Hörprüfung zu trainieren. Die gebräuchlichste Untersuchung ist die Spielaudiometrie. Eine Möglichkeit beruht z. B. darauf, dass auf einem Bildschirm dem Kind kindgerechte Bilder gleichzeitig mit der Präsentation eines lauten, überschwelligen akustischen Signals gezeigt werden. In der Trainingsphase lernt das Kind, dass visueller (gesehener) und auditiver (gehörter) Reiz immer gleichzeitig erscheinen. In der anschließenden Untersuchungsphase lässt man die visuelle Darbietung etwas verzögert gegen die auditive Stimulation auftreten.
Tabelle 12.2 Die Lautstärke der verschiedenen in der Reaktionsaudiometrie verwendeten Geräte. Diese Werte müssen im Vergleich zu Tab. 12.1 – den Umweltgeräuschen – gesehen werden
Das Kind wird für die richtige Reaktion auf einen auditiven Stimulus mit einen neuen Bild belohnt. Der Reizpegel wird dabei bis zur Reaktionsschwelle erniedrigt (d. h. man tastet sich langsam an die Hörschwelle heran).
Audiometrie nach eigenen Angaben des Kindes
1. Tonschwellenaudiogramm
Dieses Testverfahren ist ab ca. 4 Jahren möglich. Die Untersuchung läuft
im Prinzip ähnlich wie bei der Hörprüfung Erwachsener ab. Das Kind
muss angeben, wenn es einen Ton hört. So wird für mehrere Tonhöhen
(Frequenzen) die Schwelle bestimmt, bei der der Ton gerade noch gehört
werden kann (= Tonschwelle). Dieses Verfahren erfordert eine aktive
und konzentrierte Mitarbeit des Kindes und ist nicht in jedem Falle möglich.
2. Sprachaudiogramm
Ebenfalls ab 4 Jahren sinnvoll. Das Kind spricht über den Kopfhörer
dargebotene Wörter nach.
3. Zentrale Hördiagnostik
Ab 5 Jahren möglich, erfordert aber ausreichende sprachliche
Kompetenz. Dabei versucht man Fragestellungen aus dem Bereich der
zentralen auditiven Hörverarbeitung und Wahrnehmung zu beantworten.
Hörstörungen lassen sich in Schallleitungsschwerhörigkeiten (äußeres Ohr und Mittelohr) und Schallempfindungsschwerhörigkeit (Innenohr und zentrales Nervensystem) sowie zentrale Hörverarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen unterteilen.
Schallleitungsschwerhörigkeiten
entstehen, wenn der Weg des Schalls vom äußeren Ohr über den Gehörgang zum Mittelohr (Trommelfell, Gehörknöchelchen) behindert, d. h. abgeschwächt wird.
Abb.: Mutter und Kind wird das Blasen-Biofeedbackgerät erklärt
Mit der Inspektion des Ohres (Otoskopie) lassen sich typische Störungen des äußeren Ohres, z. B. Cerumen obturans (= Ohrschmalzpfropf), problemlos feststellen und anschließend durch Ausspülen beseitigen. Auch Verschlüsse des Gehörganges durch Knochen oder Bindegewebe sind hiermit diagnostizierbar.
Die häufigste Ursache für eine Schallleitungsschwerhörigkeit bei Kindern sind eine Funktionsstörung oder der Verschluss der Tuba eustachii (Eustachische Röhre = Verbindung zwischen Nasenrachen und Mittelohr), z. B. durch vergrößerte Rachenmandeln (= Adenoide, Polypen) oder Infektionen des Nasen-Rachen-Raums. Bei der Ohruntersuchung erscheint das Trommelfell eingezogen, eventuell ist Flüssigkeit hinter dem Trommelfell sichtbar. Bei der Impedanzaudiometrie ist der Druck zu negativen Drucken hin verschoben oder es liegt eine Flachkurve vor. Die Therapie besteht hier in einer Beseitigung der Ursache der Tubenbelüfungsstörung, z. B. durch die Entfernung einer vergrößerten Rachenmandel sowie durch einen Trommelfellschnitt und Absaugen des Ergusses. Beim Vorliegen einer Schallleitungsstörung sind vor allem otoakustische Emissionen nicht nachweisbar.
Schallempfindungsschwerhörigkeiten
entstehen durch Störungen im Bereich des Hörorgans und der den Höreindruck
verarbeitenden Hirnareale.
Die im Bereich des Innenohres und der nervalen Struktur des auditiven Systems lokalisierten Hörstörungen kann man in folgende Gruppen unterteilen:
Zentrale auditive Verarbeitungsstörungenund zentrale auditiveWahrnehmungsstörungen
angelehnt an die typischen Vorsorgeuntersuchungen U 2 bis U 7
Wenn Sie als Eltern das Gefühl haben, Ihr Kind hört nicht richtig, sollten Sie Ihren Hausarzt, Kinderarzt oder HNO-Arzt aufsuchen.
Je schneller eine fundierte Diagnostik eingeleitet wird, umso besser für das Kind. Denn nach wie vor gilt: "Ohne Diagnostik ist eine der Situation angemessene Therapie nicht möglich".
Wenn sich Ihr Verdacht bestätigen sollte, ist heute in vielen Fällen eine Therapie der Hörstörung oder der damit verbundenen sonstigen Probleme möglich.
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