Seelsorge in der Kinderstation

Ingrid Weißl

"Unsere Kinder sind die wichtigsten Gäste, die zu uns ins Haus kommen, sorgsame Zuwendung verlangen, eine Zeitlang bei uns verweilen und dann aufbrechen, um ihre eigenen Wege zu gehen." Henri Nouwen

Liebe Manuela,

beim Durchblättern meines Kalenders habe ich deine Adresse wiedergefunden. Du warst schon mehrmals für ein paar Wochen mit deinem Sohn David* hier bei uns auf der Kinderstation. Bei eurem letzten Aufenthalt habt ihr die Bauarbeiten bei uns gut beobachten können. Mittlerweile sind sie abgeschlossen und die Benutzung der neuen Räume steht unmittelbar bevor. Ich nehme diese erfreuliche Tatsache zum Anlass, dir ein Lebenszeichen von mir zu geben.

Beeindruckt hat mich, wie schnell ihr euch an den Krankenhausbetrieb gewöhnt und darin eingelebt habt. David hat sich – trotz der Behandlungen und der damit verbundenen Unannehmlichkeiten – bei uns fast wie zu Hause gefühlt. Ihr kennt die Schwestern und Ärzte, die Erzieherin, die Lehrerin, die Krankengymnastinnen, die Damen vom Reinigungsdienst und von der Versorgung, kurz, viele, die sich um euer leibliches und seelisches Wohlergehen und Heilwerden bemühen.

Ich kann mich noch gut an die erste Begegnung mit David und dir erinnern. Als ich mich dir als Seelsorgerin vorgestellt habe, hast du mich erst einmal mit fragendem Blick gemustert und gesagt, dass du zwar katholisch bist, aber nicht regelmäßig zur Kirche gehst und eigentlich nicht weißt, was wir beide miteinander besprechen sollten. Ich habe dir dann erzählt, dass ich selbst verheiratet bin, vier Kinder habe und vormittags hier im Krankenhaus auf der Kinderstation und auch auf anderen Stationen als Pastoralreferentin arbeite und in einer Teilzeitstelle (12 Wochenstunden) von der Diözese Passau angestellt bin.

Abb.: Frau Diplom-Theologin Ingrid Weißl, die sich seit 1995 der Seelsorge auf der Kinderstation intensiv annimmt

Du wolltest wissen, was ich denn hier so mache. Nun, das ist gar nicht so leicht zu beschreiben, weil sich Seelsorge an den Bedürfnissen des einzelnen Menschen orientiert und ganz individuell und unterschiedlich sein kann und darf. Ich verstehe unter Seelsorge, Menschen in verschiedenen Situationen ihres Lebens zu begleiten, unabhängig von Konfession, Familienstand und sozialer Herkunft. Diese menschliche Begleitung kann bunt und vielfältig sein wie ein Regenbogen, der den Himmel mit der Erde verbindet, mal hell und freudig wie ein Geburtstagsfest mit Blumen, kleinen Aufmerksamkeiten und Musik, auch feurig und temperamentvoll oder auch aggressiv, voller Wut auf die Welt und Gott, mit der bangen Frage, wie Er es zulassen kann, dass ausgerechnet mein Kind mit einer Behinderung, einer lebensbedrohlichen oder chronischen Krankheit auf die Welt gekommen ist – und auch warm und hell wie ein Kerzenlicht, das man in der Kapelle anzündet.

Abb.: Frau Weißl im Gespräch mit Mutter und Kind

Manchmal sind es auch die Momente zwischen Tür und Angel, fernab vom Trubel, im Garten, zwischendurch auf dem Gang oder in der Cafeteria, bei denen sich scheinbar zufällig gute Gespräche ergeben, bei denen du dich in deiner Sorge um dein Kind verstanden fühlst und nicht als hysterische Mutter abqualifiziert wirst. Ein Kind ins Krankenhaus zu begleiten kann einen wirklich an die Grenze der Belastbarkeit führen.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir vor einigen Jahren zumute war, als ich plötzlich meine Tochter mitten in der Nacht hierher bringen musste und mich in einem Strudel von Gefühlen wieder fand: Angst, Unsicherheit, Sehnsucht nach den anderen 3 Kindern und meinem Mann, Ohnmacht und Verzweiflung, gepaart mit Schuldgefühlen und die Not, in einer fremden Umgebung auf – auch für mich damals – fremde Menschen angewiesen zu sein. Es hat mir gut getan, meine Sorgen aussprechen zu können und den "Rucksack", den ich mit unguten Vorahnungen und Bedenken angefüllt mit mir herumgetragen habe, aufmachen und auspacken zu können und mitzuerleben, wie sich manches dabei in Luft und Wohlgefallen aufgelöst hat. Ich habe mich über jedes mitfühlende Wort, jeden aufmunternden Blick gefreut, der mir das Gefühl gab, nicht vertröstet, sondern angenommen zu werden.

In dieser Zeit ist in mir der Wunsch gewachsen, hier im Krankenhaus als Seelsorgerin zu arbeiten, und ich bin sehr froh, dass dies möglich geworden ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nicht nur die Kinder und begleitenden Mütter in der Zeit des Krankenhausaufenthaltes einiges durchzustehen haben, sondern auch die Väter, Großeltern und Geschwister. Sie müssen längere Zeit auf die Mama verzichten, sorgen sich um den Bruder oder die Schwester und sind gleichzeitig wütend darüber, dass das kranke Kind eine Mehrportion an Aufmerksamkeit und Zuwendung erhält.

Diese Erfahrung hast du, liebe Manuela*, auch gemacht: Deine Tochter hat durch ihre abnehmenden schulischen Leistungen gezeigt, dass sie auch noch da ist und dich als Mama braucht. Dein kleinerer Sohn machte plötzlich durch körperliche Symptome auf sich aufmerksam. Du versuchst das Problem dadurch zu lösen, dass sich dein Mann zwischendurch Urlaub nimmt, und greifst auf die Hilfe von Freundinnen zurück, die sich in der Betreuung von David im Krankenhaus abwechseln. Gott sei Dank hilft in einer schwierigen Situation jeder gern. Man muss sich nur dazu überwinden, diese Hilfe auch anzunehmen.

Damit die Ehe bzw. Partnerschaft in dieser Zeit und auf lange Sicht hin nicht zu kurz kommt, möchte ich dich auf ein Angebot unserer Diözese aufmerksam machen: Es finden in regelmäßigen Abständen Familienwochenenden mit Kinderbetreuung und Wohlfühlwochenenden für Paare statt. Sie werden vom Referat "Ehe und Familie" (Tel. 0851/393 339) organisiert und sind auch für Familien mit mehreren Kindern erschwinglich. In unserer Krankenhauskapelle liegen verschiedene Prospekte auf, u. a. von mehreren Selbsthilfegruppen und Ehe-, Familienund Lebensberatungsstellen (Tel. 08671/1862). Sie bieten auch Kurse zum Thema "Abschiednehmen" und Trauerverarbeitung an.

Weißt du noch, wie du erschrocken bist, als du auf meiner Visitenkarte gelesen hast, dass zu meinen Aufgaben auch Sterbe- und Trauerbegleitung gehört? "Hoffentlich brauche ich das nie!", sagtest du und gabst deiner Hoffnung Ausdruck, dass auch diesmal wieder alles in Ordnung kommen möge. Bei den verschiedenen Aufenthalten hast du aber inzwischen auch Eltern kennen gelernt, deren Kinder auf unserer Station gestorben sind und die in dieser schwierigen Situation von uns betreut und begleitet worden sind.

Damit der Abschied leichter zu verkraften ist, empfehlen wir, das verstorbene Kind lange im Arm zu halten, selbst zu waschen und anzuziehen, die letzte kostbare Zeit ungestört und ausgiebig mit ihm zu verbringen. Für uns alle, die wir auf der Kinderstation arbeiten, ist es ebenso notwendig, den Tod eines Kindes zu verarbeiten, d. h. miteinander zu sprechen, Erinnerungen an das Kind auszutauschen, Fotos anzuschauen, den Angehörigen unsere Hilfe anzubieten und gemeinsam mit ihnen Abschied zu nehmen.

Wir ermöglichen vor Operationen oder in lebensbedrohlichen Situationen die Krankensalbung als Sakrament der Kirche zur Unterstützung in einer schwierigen Lebensphase, beraten bei der Gestaltung von Tauffeiern und helfen Eltern bei der Vorbereitung der Beerdigung ihres Kindes. Wir freuen uns, wenn sich die Angehörigen in ihren Sorgen und Nöten von uns verstanden fühlen und oft Jahre danach noch Kontakt halten.

Eine Möglichkeit hierzu bietet sich unter anderem beim Besuch der Gottesdienste in der Krankenhauskapelle (So. 9.00 Uhr und Di., Mi., Fr. jeweils um 19.00 Uhr), deren Gestaltung mit ausgewählten Texten, Predigten und abwechslungsreicher Kirchenmusik uns ein wichtiges Anliegen ist. Ganz besonders freue ich mich, wenn ich dich und deine Familie bei unserer Kindermette wiedersehe, die wir jedes Jahr am Hl. Abend um 10.30 Uhr im Eingangsbereich der Kinderstation organisieren und die mittlerweile zu einer liebgewordenen Einrichtung geworden ist. Ich bin sicher, dass sich wie bisher auch in diesem Jahr wieder ein echtes Baby aus meinem Bekanntenkreis als Jesuskind finden lässt.

Liebe Manuela, ich hoffe, dass es dir und deiner Familie gut geht, und ich würde mich freuen, wieder einmal von dir zu hören.

Du erreichst mich am besten vormittags (Mo., Mi., Do.) von 9.00 Uhr bis ca. 12.30 Uhr hier im Krankenhaus (Tel. 08671/509-0) über die "Info", in meinem Büro neben der Kapelle (Zi. 007) oder – zur Vereinbarung eines Termins – bei mir privat (Tel. 08671/71934).

Meine guten Wünsche für dich und deine Lieben sind im folgenden irischen Segensspruch ausgedrückt.

"Das Licht der Sonne scheine auf Deinen Fenstersims. Dein Herz sei voll Zuversicht, dass nach jedem Gewitter ein Regenbogen am Himmel steht. Der Tag sei Dir freundlich, die Nacht Dir wohlgesonnen. Die starke Hand eines Freundes möge Dichhalten und Gott möge Dein Herz erfüllen mit Freude und glücklichem Sinn."

* Namen geändert

Ingrid Weißl, Diplom-Theologin/ Krankenhausseelsorgerin



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