Wenn die Schule ins Krankenhaus kommt

Brigitte Meidl-Kern

Seit dem Schuljahr 1989/90 sichert das "Haus- und Krankenunterrichtsgesetz" die schulische Versorgung längerfristig kranker Kinder. Neben den selbständigen Schulen für Kranke gibt es Schulen, die wegen ihrer geringen Anzahl an Schülern an andere Schulen angegliedert sind.

Dies entspricht genau der Situation, die wir auf der Kinderstation der Kreisklinik Altötting haben. Die Stammschule der im Krankenhaus unterrichtenden Lehrerin ist die Pestalozzi-Schule Neuötting. Neben dem Unterricht auf der Kinderstation, der in der Regel zwei Unterrichtseinheiten täglich umfasst, sind noch Stunden an dieser Schule zu erteilen.

Warum Unterricht am Krankenbett?

Die Notwendigkeit und der Sinn des Unterrichts am Krankenbett ergibt sich aus der Tatsache, dass jedes für längere Zeit erkrankte Kind seine Krankheit je nach Schwere und Verlauf anders erlebt und verkraften muss.

Abb.: Unterricht am Krankenbett

Zum somatischen Krankheitsbild kommen Trennungsängste, Unsicherheitsgefühle, Bewegungseinschränkung, Gefühle der Isolation, der Langeweile, der Ungeduld und des Heimwehs. Hinzu kommen Sorgen um zu viele Schulversäumnisse, um das Nichtvorrücken und um einen eventuellen Schullaufbahnwechsel. Motivationsverlust und Lernstörungen sind daher nicht selten. Es drohen also emotionale, soziale und schulische Entwicklungsstörungen.

Genau hier setzt die Aufgabe des Krankenhauslehrers an: Der Lehrer vermittelt in dieser fremden, nicht selten lernfeindlichen Umgebung Wissen und Können, er berät, er hilft ganz individuell und ist vor allem Wegbegleiter in schwieriger Zeit. Der Unterricht am Krankenbett bzw. auf der Kinderstation soll die Wiedereingliederung in den normalen Schulbetrieb vorbereiten und Befürchtungen vermindern, den Anforderungen der Regelklasse nicht mehr zu genügen.

Kontakt der Krankenhausschule zur Heimatschule

Gerade in den letzten drei Jahren wurde auf unserer Station eine starke Zunahme von Kindern mit psychosomatischen Erkrankungen beobachtet, hinter denen sich Schulprobleme verbargen. Hier sind Einfühlungsvermögen und gute Einschätzungsfähigkeit des Lehrers besonders gefragt. In solch einem Fall ist der Kontakt zwischen Kliniklehrer und dem Lehrer der Regelschule unerlässlich. Der Kollege kennt den Schüler ja über einen langen Zeitraum, weiß um die speziellen Stärken und Schwächen des Schülers, ist meistens über die Umstände im Elternhaus informiert und hat verschiedene Verhaltensauffälligkeiten beobachtet, welche im Krankenhausalltag vielleicht gar nicht zu Tage treten, aber für die Beurteilung des Gesamtbildes des Patienten von Bedeutung sind.

Eine einvernehmliche, vertrauensvolle Zusammenarbeit ist nicht nur zwischen dem Krankenhauslehrer und dem Kollegen an der Regelschule erforderlich, sondern auf der Station selbst mit den behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal.

Ein weiteres Bindeglied in dem Beziehungsgeflecht um den erkrankten Schüler sind die Eltern, die oft auch ihrerseits schnell und unkompliziert den Kontakt mit der Schule herstellen. Nicht selten ist die Lehrerin am Klinikum auch Zuhörer und Berater in einem Gespräch mit den Eltern, die ihre Sorgen und Ängste aussprechen wollen. Mit ihnen wird oft auch die weitere schulische Laufbahn des Kindes erörtert. Hier gilt es, Mut zu machen, wo Verzweiflung herrscht.

Was wird in der Schule im Krankenhaus gemacht?

Die Kreisklinik Altötting gehört zu den so genannten Akutkliniken, das heißt, die hier zu behandelnden Kinder haben keine allzu große Verweildauer. Während einige Kinder nur zur Abklärung unklarer Erkrankungen einige Tage auf der Station sind, müssen andere bis zu drei oder vier Wochen oder länger bleiben. Im ersten Fall ist die Nachhilfe im Sinne von Lückenschließen wohl eher von untergeordneter Bedeutung, durch ein behutsames Erfassen der Gesamtsituation eines solchen Kindes kann aber der Lehrer gemeinsam mit den Ärzten einen wichtigen Beitrag zur Diagnostik leisten. Im anderen Fall ist es wichtig, Schulausfälle auszugleichen, wobei wir uns sinnvollerweise auf die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Englisch konzentrieren. Sachfächer werden je nach Leistungsfähigkeit in das Lernen mit einbezogen. Im Einzelfall lege ich in Absprache mit den Kollegen einen Minimalkanon fest. Daneben verzichte ich aus psychologischen Gründen nicht auf das Malen, Singen und Theaterspielen. Mit der Erzieherin im Spielzimmer werden auch Projektwochen durchgeführt, die entweder jahreszeitlich orientiert oder unter ein Thema gestellt sind.

Besonderheiten der Krankenhausschule

Ein eigens eingerichtetes Schulzimmer gibt es auf unserer Station nicht. Wir benutzen ein Besprechungszimmer, in dem ich alle gehfähigen Schüler zusammenhole.

Abb.: Unterricht in der Kleingruppe im Schulzimmer auf der Kinderstation

Da kann es gut sein, dass ein Neuntklässler neben einem Zweitklässler lernt, ein Realschüler einem Förderschüler beim Rechnen hilft. Dieser "bunte Haufen" fordert vom Lehrer nicht nur Flexibilität und gute Kenntnisse der verschiedenen Lehrpläne, sondern auch die Geduld und Zugeständnisse von Seiten der Schüler. Kinder, denen Bettruhe verordnet wurde, werden im Zimmer unterrichtet.

Individualisierung kennzeichnet also den Krankenhausunterricht. Jedem Kind muss in seiner jeweiligen Schul- und Krankheitssituation Rechnung getragen werden. Die Leistungsfähigkeit des kranken Schülers nimmt wegen der Intensität des Unterrichts in der Kleingruppe bzw. im Einzelunterricht stark ab. Aber selbst schwerkranke Kinder möchten Leistung bringen.

Lernunwillige bringt man mit dem Hinweis auf die kurze Unterrichtszeit und mit dem Satz: "Wir machen nur ein bisschen Gehirnjogging" zum Üben.

Ziel der Krankenhausschule

Ich möchte nicht verhehlen, dass der Unterricht auf einer Krankenstation hohe Anforderungen stellt. Auf gewohnte Arbeitszeiten und Unterrichtsbedingungen muss man verzichten können. Visiten, medizinische Behandlungen, ständig wechselnde, dazu noch altersverschiedene Schüler, deren Krankheitsverläufe beachtet werden müssen, unterschiedliche Lehrpläne und Jahrgangsstufen machen die Arbeit nicht leicht. Dennoch erfüllt es mit Freude, wenn man die Situation im Krankenhaus erleichtern kann. Nicht selten erfährt der Schüler im engen, partnerschaftlichen Lernverhältnis, was er doch zu leisten imstande ist, und geht gestärkt in seinen Schulalltag zurück.

Es wäre wünschenswert, wenn es weiterhin gelingen würde, mehr Spaß am Leben, am Lernen, an sich selbst und für die Zukunft zu vermitteln, damit auch die Schule unter diesen ganz besonderen Umständen wirklich eine Schule zum und für das Leben ist.



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