Die Arbeit am Tonfeld und seine Entfaltungsmöglichkeiten

Geli Hofauer

Die Arbeit am Tonfeld, 1972 von Professor Heinz Deuser begründet, ist eine entwicklungsfördernde Methode zur Handlungsund Beziehungsgestaltung. Wir finden auf einem begrenzten Feld eine Situation vor, wie sie für jegliches Lernen und jede Handlungsentwicklung unabdingbar ist.

Das Setting ist denkbar karg, ein flacher, begrenzter Holzkasten mit Tonerde, glatt eingestrichen – das Material fordert auf es wahrzunehmen, zu berühren, zu begreifen. Zudem ist die Anwesenheit des Begleiters wichtig, der durch geschulte Wahrnehmung Zuspruch gibt.

Abb.: Der 7-jährige Anton am Beginn der Bearbeitung des Tonfeldes. Die Arme der Therapeutin vermitteln ihm noch die erforderliche Begleitung

Es ist ein elementares Bedürfnis jedes Menschen, sich als Individuum zu entwickeln, etwas von sich zu erzählen oder mit den Händen zu gestalten, vom Mitmenschen verstanden zu werden und sich in dessen Reaktion selbst zu verstehen.

Der Ton als Projektion

Der Ton ist seiner Substanz nach fest genug, um Halt zu geben; er bietet genug Widerstand, um sich körperlich zu spüren, und ist doch "flüssig" genug, um in jeder Bewegung mitzugehen. Er lädt ein zu einem Dialog, in dem das eigene Bedürfnis nach Entfaltung entwickelt werden kann. Die Arbeit ist darauf angelegt, nicht nach Ursachen von Störungen zu suchen, sondern darauf, Entwicklungspotenziale anzusprechen und den Freiraum zu geben sie erfüllen zu können. Dabei können frühere Beziehungsformen und Orientierungen aufgegriffen werden. Entwicklungsdefizite können im eigenen Handlungsbedürfnis ausgeglichen werden. Die Arbeit greift die Grundbedingungen menschlicher Erfahrung auf: Wir berühren und sind berührt. Wir kommen zu uns, in dem, was wir erfahren, und können uns zugleich in unserer Erfahrung gestalten. Wir nehmen uns in unserer Entwicklung auf.

Kinder berühren und begreifen dieses Gegenüber unmittelbar, sie greifen die Handlungsintention auf und können eine dreidimensionale Welt gestalten. Die Sensorik wirkt sowohl unmittelbar als auch über ein Werkzeug und ein sensorischmotorischer Dialog baut sich auf. Gerade bei Kindern fällt auf, dass sie in diesem begrenzten Rahmen ihr Umfeld abbilden wollen, dass sie alles darstellen wollen, was ihnen wichtig ist, und damit "im Feld" spielen, in ihrer "Probewirklichkeit". Dieses unmittelbare Berühren hinterlässt nicht nur im Material Spuren, es hinterlässt auch auf der Haut und im Gedächtnis Information und Erinnerung.

Abb.: Die 4 1/2-jährige Franziska gegen Ende der Arbeit, in die sie intensiv eingetaucht ist

Die Bewegung der Hände und der Eindruck davon im Ton verhalten sich wie Positiv und Negativ, wie Frage und Antwort, wie Problem und Lösung. Ein Prozess, der, solange die Hände sich bewegen, im Fluss ist, veränderbar und entwicklungsfähig.

Was entsteht, ist eine Gegenform des Selbst, die das Kind abbildet und die zur Fortentwicklung auffordert. Das Material begünstigt den Wunsch nach Veränderung und nimmt das Vorangegangene wieder auf. Damit erfüllt sich auch der Zeitaspekt des Werdens; etwas vergeht und kann neu entstehen. In der Entwicklung wird schöpferische Kontinuität gewonnen, denn sein Tun greift das Kind im neuen Tun immer wieder auf.

Bedingung und Möglichkeit des Beziehungsverhaltens verlagern sich in ein Feldgeschehen. Wenn das Feld hemmend aufgefasst wird, wird das hemmende dingfest im Tonfeld. Indem das Tonfeld berührt wird, ist man auch selbst davon berührt und das eigene Bedürfnis zu handeln entwickelt sich, wenn der Begleiter das Kind darauf anspricht, ihm Mut macht und mit einem Vorschlag, was in der Situation angebracht wäre, zur Seite steht. Ab dem Moment, wo das Kind seine Hemmungen abstreifen und in das Tonfeld übertragen kann, werden diese begreifbar, verhandelbar und durch eigenes Tun wandelbar. Erfahrungsmuster können bei der Arbeit am Tonfeld überprüft werden.

Defizite, Verhaltensstrukturen, die begründet in der Biographie nicht entwickelt wurden, können herauskristallisiert und die Entwicklung an diesem Punkt nachvollzogen werden. Wie das Kind abbildet, ist seine Weise auf die Welt zuzugehen und sie zu erfahren.

Welche Wirkung hat die Arbeit am Tonfeld?

Die Arbeit am Tonfeld greift die Entwicklung, die das Kind genommen hat, wieder auf und kann sie neu strukturieren. Das Kind findet fortlaufend, vom ersten Moment seines Lebens an, offene Situationen vor, so wie eben hier das Tonfeld. Es wird versuchen, zunächst unter den gegebenen Umständen, nach erlernter Manier, Orientierung und Halt zu finden. Es tritt an das Feld heran, rückt sich auf dem Stuhl zurecht, umfährt mit den Händen die Begrenzung des Feldes, betastet die Oberfläche, um zu erfühlen, wie man mit dem vorgefundenen Material umgehen kann. Es versichert sich des Begleiters – er vermittelt Sicherheit und bestärkt im Erforschen.

Nach dieser ersten Phase des Kennenlernens von Material und Begleiter – das Kind kann sich auf die äußeren Umstände verlassen – kommt die Freude am Anfassen des Materials, am Begreifen und Probieren.

Durch die freundlich interessierte, kundige Begleitung unterstützt kann das Kind seinen Handlungsdrang auf das Feld übertragen und davon losgelöst daran arbeiten, die Suche nach dem Selbst beginnen – oder es zeigt sein Unvermögen dazu.

In einer dritten Phase nun steht das Material voll zur Verfügung, das Kind hat Kompetenz erworben und Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit; es kann damit in das beliebig verfügbare Feld sicher eingreifen, seine Möglichkeiten, Kreativität und Individualität auszuleben und sich zu verwirklichen, voll nutzen.

Nach diesen Schritten der Kompetenzentwicklung wird das Kind sich positionieren. Jede dieser Phasen hat ihre Krisen, die entwicklungsspezifisch angegangen werden können.

Besonders Kindern und Jugendlichen im vorschulischen und schulischen Alltag bietet das Tonfeld Hilfe zur Entwicklungsförderung, zur Beziehungs- und Verhaltensänderung.

Die Arbeit am Tonfeld ist für alle Altersgruppen geeignet. Das Bedürfnis, mit der Umwelt in Beziehung zu stehen, kann gestört sein. Ein Verlust an Beziehung wird als starke Beeinträchtigung empfunden. Beziehungsstörung ist immer auch Entwicklungsstörung, eine immanente Möglichkeit, die in der eigenen Biographie keine Chance hatte, sich zu entwickeln. Die Arbeit am Tonfeld greift dieses Entwicklungsbedürfnis auf und es kann im Umgang mit dem Material Ton seinen Ausgleich finden.



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