Welche Störungsbilder/Entwicklungsdefizite werden von Ergotherapeuten behandelt?

Beobachtungen, die zu einer Verordnung von Ergotherapie führen können:

  • Das Kind ist in seiner körperlichen, perzeptiven, kognitiven oder emotionalen Entwicklung gegenüber Gleichaltrigen verzögert.
  • Das Kind zeigt Ausfälle oder Störungen in der Bewegungs- und Koordinationsfähigkeit.
  • Das Kind zeigt eine mangelnde Verarbeitung von Sinnesreizen (Körperwahrnehmung, visuelle Wahrnehmung, auditive Wahrnehmung, …)
  • Das Kind reagiert auf seine Mitmenschen und seine Umwelt mit übermäßiger Angst, Aggression, Abwehr oder Passivität.
  • Das Kind ist in seinen kognitiven Prozessen beeinträchtigt 

Ansatzpunkt für die Behandlung sind Auffälligkeiten in den Grundfunktionen.

Wahrnehmung

Unter Wahrnehmung versteht man den Vorgang der subjektiven Sinneswahrnehmung von Umwelt- und Körperreizen, deren Weiterleitung und Verarbeitung im Gehirn.

Basissinne

Das tiefensensible System (= Propriozeption) 

Tiefensensibilität ist die Empfindung des eigenen Körpers. Durch Rezeptoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken können Stellungen und Bewegungen des eigenen Körpers sowie die Kraft, die für bestimmte Bewegungen notwendig ist, wahrgenommen und angepasst werden. Ein Beispiel dafür ist das Treppensteigen ohne Augenkontrolle. Die Schrittlänge wird "automatisch" der Höhe der Treppenstufen angepasst.

Das vestibuläre System (=Gleichgewichtssinn) 

Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr (Vestibulum) nimmt unsere Stellung im Raum wahr. Dadurch erfahren wir, wo oben und unten ist, ob wir uns drehen oder im Raum bewegen. Die Aufgabe des vestibulären Systems ist es, den Körper sowohl in Ruhe als auch in Bewegung im Gleichgewicht zu halten. Dazu gehört auch das "Im-Auge-Behalten" der Umwelt bei Kopf- und Körperbewegungen.

Das taktile System (=Tastsinn) 

Im Gegensatz zur Tiefensensibilität handelt es sich hier um die Oberflächensensibilität, d. h. um die Wahrnehmung von Temperatur, verschiedenen Oberflächenbeschaffenheiten etc. über Rezeptoren in der Haut. Das taktile System hat Unterscheidungssowie Schutzfunktion. Alle Sinne stehen über das Gehirn und das Nervensystem miteinander in Verbindung. Deshalb bedingen sich Störungen oft gegenseitig.

Probleme im Bereich der Basissinne äußern sich oft in Bewegungsvermeidung oder übermäßigem Bewegungsdrang, in mangelnder Bewegungsplanung oder in Problemen der Körperkoordination. Die Kinder wirken oft ungeschickt, stolpern, stoßen etwas um oder haben Probleme in der Raumorientierung. 

Bei taktiler Überempfindlichkeit haben die Kinder oft ein stark ausgeprägtes Schmerzempfinden und fassen Sand, Teig oder Kleister nur mit Widerwillen an. Auch Ängstlichkeit und Unsicherheit können ihre Ursachen in einer Störung im Bereich der Basissinne haben.

Abb.: Förderung der Wahrnehmung und der Handgeschicklichkeit mit dem Pertra- Spielsatz

Für den Erwerb der Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben ist es ebenfalls notwendig, dass die Kinder vielfältige Erfahrungen im Bereich der Basissinne gemacht haben. Ein Kind muss zum Beispiel erst in einem konkreten Raum und am eigenen Körper die Erfahrung gemacht haben, was unten und was oben, was rechts und was links ist, bevor es beim Schreibenlernen "b" und "d", "p" und "q" unterscheiden kann.

Therapeutisch werden Auffälligkeiten im Bereich der Basissinne meist im Rahmen der sensorischen Integrationstherapie (siehe Kapitel 21.2.1) behandelt. Sensorische Integration (SI) bedeutet die Vernetzung und Koordination aller Sinneseindrücke zu einer Gesamtwahrnehmung als eine Grundlage von Handeln und Lernen.

Dem Kind wird Gelegenheit gegeben, gezielte Sinneserfahrungen zu machen in einer für das Kind als bedeutsam erlebten (Spiel)Situation. Dadurch soll es in die Lage versetzt werden, seine Handlungen besser an die Umwelt anzupassen. Das kann durch eine vorbereitete Umgebung im SI-Raum oder auch in verschiedenen Alltagssituationen erfolgen.

Abb.: Förderung anpassender Reaktionen im SI-Raum

Auch handwerklich-gestalterisches Arbeiten (siehe Kapitel 21.2.3) fördert die Wahrnehmung im Basisbereich.

Visuelle Wahrnehmung

Das aufnehmende Organ für die visuelle Wahrnehmung ist das Auge. Es ermöglicht, Dinge in der Nähe und der Ferne zu sehen, Tiefen zu unterscheiden sowie Farben zu differenzieren. Verschiedene Augenmuskeln halten die Augen in der richtigen Position, um diese Funktionen zu ermöglichen und schnelle Korrekturbewegungen vorzunehmen. Die Seheindrücke beider Augen verschmelzen im Gehirn zu einem Bild.

Visuelle Wahrnehmung beinhaltet die Fähigkeit, visuelle Reize zu erkennen, zu unterscheiden, sie mit früheren Erfahrungen zu verbinden und zu interpretieren. Diese Interpretation erfolgt im Gehirn. Wenn jemand z. B. vier Linien in Form eines Quadrates sieht, erfolgt der Sinneseindruck in den Augen, das Erkennen des Quadrates aber ist ein Verarbeitungsvorgang im Gehirn. Über das Gehirn steht das visuelle Sinnessystem mit anderen Sinnessystemen in Verbindung. 

Die visuelle Wahrnehmung ist an vielen unserer Handlungen beteiligt und schafft Voraussetzungen z. B. für das Erlernen des Lesens, Schreibens, Rechnens und anderer Fertigkeiten. Folgende Bereiche werden unterschieden:

Visuomotorische Koordination

Die visuomotorische Koordination ist die Fähigkeit, Bewegungen des Körpers oder Bewegungen von Körperteilen (z. B. Hand) mit dem Sehen zu koordinieren. Wenn ein Sehender nach etwas greift, werden seine Hände durch seinen Sehsinn geleitet. Die komplikationslose Durchführung beinahe jeder Handlungsfolge hängt von einer ungestörten Koordination von Augen und Motorik ab.

Figur-Grund-Wahrnehmung

Die Figur-Grund-Wahrnehmung ist die Fähigkeit, versteckte und sich überkreuzende Figuren zu erkennen. Das Kind lernt durch Übungen in diesem Bereich, sich auf wichtige Stimuli zu konzentrieren, durch Unterscheiden von Details diese als Figur zu sehen und sie von ihrem Hintergrund abzuheben.

Wahrnehmungskonstanz

Aufgrund der Wahrnehmungskonstanz sind wir imstande, bestimmte Eigenschaften eines Gegenstandes unter verschiedenen Blickwinkeln trotz unterschiedlichen Sinneseindrucks im Auge unverändert wahrzunehmen.

Sie ist eine wichtige Voraussetzung, um geometrische Formen unabhängig von Größe, Farbe oder Lage zu erkennen und später Buchstaben, auch wenn sie in einem anderen Wort vorkommen oder in einer anderen Schrift geschrieben sind.

Wahrnehmung der Raumlage

Im Lauf seiner Entwicklung erwirbt das Kind die Erkenntnis, dass es selbst (räumlich gesehen) der Mittelpunkt seiner eigenen Welt ist. Es nimmt Gegenstände als hinter, vor, über, unter, neben sich wahr. Die Wahrnehmung der Raumlage ist also die Beziehung eines Gegenstandes zum Betrachter.

Wahrnehmung räumlicher Beziehungen

Die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen ist die Fähigkeit, die Lage von zwei oder mehreren Gegenständen in Bezug zueinander und in Bezug zur eigenen Person wahrzunehmen.

So muss ein Kind, das Perlen auffädelt, die Lage einer Perle und der Schnur zu sich selbst wahrnehmen sowie die Lage einer Perle und der Schnur zueinander.

Therapeutisch wird in diesen Bereichen zunächst oft über das "Begreifen" gearbeitet (z. B. mit dem Pertra-Spielsatz – Abb. 21.3) bis hin zu Fördermaßnahmen mit Übungsblättern oder am Computer.

Auditive Wahrnehmung

Die im äußeren Ohr und Mittelohr aufgenommenen und zum Innenohr weitergeleiteten Hörimpulse werden im Gehirn verarbeitet. Die Aufmerksamkeit ist die Basis für die Lokalisation, Unterscheidung, Auswahl, Analyse, Synthese, Ergänzung sowie Speicherung von akustischen Ereignissen. Die auditive Wahrnehmung ist von entscheidender Bedeutung für die sprachliche Kommunikation sowie den Erwerb des Lesens und Schreibens.

In der Therapie gibt es verschiedene Programme (u. a. auch am Computer), um auditive Wahrnehmung in ihren Teilbereichen zu fördern und eine Vernetzung mit anderen Grundfunktionen (siehe Abb. 21.1) und aufbauenden Leistungen (z. B. Schreiben und Lesen) herzustellen.

Geruchs- und Geschmackswahrnehmung

Die Zunge ist ein Muskel, ein Tastorgan und ein Schmeckorgan. Geschmacksqualitäten sind süß, salzig, sauer und bitter. In Zusammenhang mit dem Geruch sind andere Geschmacksvarianten möglich. Über den Geruchssinn der Nase erreichen die Geruchsinformationen unmittelbar das Gehirn.

Motorik

Bewegung entsteht aus koordinierter Beugung und Streckung der Muskulatur, wobei die Aufrichtung gegen die Schwerkraft stabilisiert werden muss. Koordinierte Mobilität ist nur aus einer gesicherten Stabilität heraus möglich. Auf dieser Basis bauen alle komplexeren Entwicklungsschritte auf.

Körperkoordination

Die Körperkoordination umfasst das Zusammenspiel von Sinnesorganen, Gehirn und der Muskulatur des Körpers. Kinder haben einen natürlichen Trieb diese Fähigkeiten der Körperkoordination üben zu wollen. Klettern, Ballspiele, Hüpfspiele oder Ähnliches fördern die Bewegungsfähigkeit. Eine Körperkoordinationsstörung bedeutet, dass dieses Zusammenspiel gar nicht oder nur ungenau gegeben ist.

Die Ursachen hierfür können vielfältig sein. Bemerkbar machen können sich diese Störungen durch auffälliges Bewegungsverhalten, Bewegungsunlust, Unfälle beim Spielen, verspätetes Auftreten von Fähigkeiten wie Krabbeln, Fahrrad fahren usw.

Therapeutisch werden Körperkoordinationsstörungen auf spielerische Art und Weise behandelt. Die Kinder bekommen durch vielfältige Geräte, Materialien und Spielvorschläge die Möglichkeit, sich aktiv und kreativ einzubringen. Im Spiel setzen sie sich mit sich selbst sowie ihrem Gegenüber (Therapeut bzw. in der Gruppe mit anderen Kindern) auseinander (siehe auch Kapitel 21.2.2 Psychomotorik).

Abb.: Förderung der Körperkoordination

Handmotorik/Graphomotorik

Die Handgeschicklichkeit beinhaltet die kompliziertesten und differenziertesten Bewegungsabläufe, zu denen der Mensch fähig ist. Es ist die Fähigkeit zu kleinräumigen, gezielten, besonders abgestimmten Bewegungen von Händen und Fingern. Die Motivation zum eigenen Handeln ist dafür eine wichtige Voraussetzung, ebenso Konzentration, Ausdauer, Wahrnehmung und Handlungsplanung. Handgeschicklichkeit steht auch im Zusammenhang mit der Stabilität des Rumpfes und den Verhältnissen im Schulter-, Ellenbogen- und Handgelenk. Die Graphomotorik (Schreibbewegung) ist die feinste Koordinationsleistung des Menschen.

Entwicklung der Handgeschicklichkeit bis zum Schulalter:

  • Greifbewegungen der gesamten Handfläche mit allen Fingern bilden sich zur isolierten Fingerbeweglichkeit aus, über Grobgreifformen (Halten/ Loslassen) zum fein dosierten Handgeschick (Aufheben von Gegenständen mit Daumen und gebeugtem Zeigefinger)
  • Spielen mit beiden Händen (HandHand-Koordination/Augen-HandKoordination), Werkzeuggebrauch
  • Kritzeleien, Kopffüßler, Striche, Muster
  • Bevorzugung einer Hand wird immer deutlicher 

Bei normaler Entwicklung sind bei der Einschulung folgende Fähigkeiten vorhanden:

  • Die Beweglichkeit des Handgelenks und der Finger ermöglicht eine flüssige Stiftführung ohne Beteiligung des ganzen Armes oder der Schulter
  • Kraft- und Griffdosierung sind in angemessener Weise vorhanden
  • Gegenständliches Malen

Probleme in der Handgeschicklichkeit zeigen sich meist schon im Vorschulalter und sollten frühzeitig behandelt werden. Jede Aktivität der Finger und Hände fördert die Entwicklung der Feinmotorik. Die Therapieangebote werden für jedes Kind nach Teilaspekten wie Hand- und Fingerkraft, Zielgenauigkeit usw. ausgesucht. Therapiemöglichkeiten sind handwerklich-gestalterische Techniken, Spiele zur Förderung der Zielmotorik oder Förderung anhand von Aktivitäten des täglichen Lebens (z. B. Knoten, Schleifen, Reißverschluss).

Abb.: Kneten zur Förderung der Fingerbeweglichkeit

Die Therapie kann eine Förderung der Schreibbewegungen oder der Malentwicklung beinhalten, aber auch eine Hilfe für das Erkennen der Handdominanz (Rechts- oder Linkshänder) sein sowie Anleitungen für Linkshänder zur angemessenen Stiftführung und Blatthaltung geben.

Grundlagen der Graphomotorik sind neben der Motorik vor allem die Wahrnehmung visueller, taktiler und propriozeptiver Reize.

Abb.: Graphomotorische Förderung

Außerdem ist die richtige Körperhaltung, die optimale Tisch- und Sitzhöhe sowie eine angemessene Stifthaltung zu beachten.

Kognitive Funktionen

Zu den kognitiven Funktionen zählen unter anderem Aufmerksamkeit, Konzentration, Herstellen von Zusammenhängen und sinnvolles Handeln. Kommen Kinder mit Schwächen in diesem Bereich in die Ergotherapie, so gestaltet sich der Ergotherapieprozess (abhängig vom Alter des Kindes) zum einen über selbstgewählte Tätigkeiten, zum anderen über ein Strategietraining zur Selbstkontrolle des Verhaltens. Das Kind soll im Spiel und in der Bewegung Erlebnisfähigkeit, Selbstwahrnehmung und Handlungskompetenzen stärken. Es wird dabei durch Materialangebote, Gespräche und Reflexionen unterstützt. Über die Entwicklung der Handlungskompetenzen nimmt die Konzentration des Kindes zu und es bleibt länger bei einer Tätigkeit. Durch das oben genannte Strategietraining werden folgende Ziele verfolgt:

  • Erhöhung der Selbststeuerung, Selbständigkeit und Selbstakzeptanz
  • Verbesserung der Motivation durch erfolgreiches Arbeiten 

Durch häusliche Übungen sowie Entspannungsübungen kann der Therapieeffekt intensiviert werden. Die Förderung der Selbstkontrolle soll den Kindern helfen, ihre Aufmerksamkeit zielgerichtet einzusetzen und auch Phasen von Routine und Gleichförmigkeit durchzustehen. Vermittelt wird dies durch strukturierte Wahrnehmungs- und Konzentrationstrainings.

Emotionale Funktionen

Die emotionale Ebene bezieht sich vor allem auf das Ausdrücken von Gefühlen und Bedürfnissen. Sichtbar wird dies in Verhaltensformen der sozialen Interaktion. Sozioemotionale Fähigkeiten kann man fördern durch allgemeine Spiele, Brettspiele, Rollenspiele, psychomotorische Spiele, handwerkliches Arbeiten, Gruppenarbeiten und Gespräche. Von besonderer Bedeutung ist die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse sowie deren angemessene Umsetzung unter Beachtung der realistischen Erwartungen und Wünsche der Umgebung.



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